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Konkreter Friedensdienst in El Salvador

Im Jahr 2012 waren die Mitglieder der AG Fairständnis vier Wochen lang auf Besuch in El Salvador. Lesen Sie weiter unten auf dieser Seite einen ganz persönlichen Bericht über den konkreten Friedensdienst, den die AG vor Ort geleistet hat.

Sehen Sie hier den Bericht des WDR!

 

Auch die Zeitungen berichteten:

AG Fairständnis NRZ

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Konkreter Friedensdienst der AG Fairständnis in Nueva Esperanza/El Salvador vom 28.6. bis zum 24.7.2012

Jetzt bin ich seit einer guten Woche wieder zu Hause und habe endlich mal die Zeit gefunden, einen ausführlichen Bericht über unsere Reise zu schreiben.

In El Salvador selber hatte das aus verschiedensten Gründen nicht geklappt: hatte ich Internet, waren da noch neun andere aus unserer Gruppe, die auch ihre E-Mails checken wollten. Waren diese nicht da, war ich zu müde oder wir mussten weiter.

Jetzt habe ich mich mal mit meinen Reisenotizen hingesetzt und werde  einfach mal chronologisch anfangen zu schreiben und zwischendrin immer mal wieder kleinere Geschichten einbringen.

An unserem ersten Tag in EL Salvador haben wir uns hauptsächlich in der Hauptstadt San Salvador und der näheren Umgebung aufgehalten.

Wir haben die Kapelle besucht, in der man am 24. März 1980 Erzbischof Romero erschossen hat. Romero setzte sich damals für die Rechte der Armen ein und forderte unter anderem die Einstellung der Gewalt durch das Militär und die Regierung. Diese gab damals vermutlich auch dem Auftrag, Romero zu ermorden.

Am zweiten Tage bekamen wir die Kluft zwischen Arm und Reich deutlich zu sehen und zu spüren.

Wir unternahmen einen Ausflug zu einem Vulkansee in den Westen des Landes, dem Lago de Coatepeque. Es gibt die Möglichkeit am Kraterrand entlang zu fahren,aber man kann auch hinunter bis zum See gelangen. Die Straßen wurden immer schlechter, was schon mal ein Zeichen für eine ärmere Umgebung ist. Auch die Häuser waren sehr einfach, aber noch größtenteils aus Stein oder Holz.

Dann tauchte, unten am See auf der rechten Seite, eine Art Ferienanlage mit gut aussehenden Bungalows auf. Doch hinter dieser Anlage lag ein Dorf, das wirklich das Krasseste war, was ich bis dahin gesehen hatte: Die besten Häuser hatten vier Wände und bestanden aus Wellblech, die schlechtesten aus vier Holzstäben, ein paar Palmzweigen und Tüchern. Wir sind dann auf dem schnellsten Weg wieder umgedreht, da wir schon sehr komisch angesehen wurden und die Situation nicht richtig einzuschätzen war, aber definitiv war sie nicht ungefährlich.

Am dritten Tag machten wir uns dann in Richtung Küste auf, um nach Nueva Esperanza zu gelangen.

In unserer Partnergemeinde wurden wir von der Gemeindevertretung herzlich begrüßt und durchs Dorf geführt, damit wir einen kleinen ersten Eindruck von dem Dorf gewinnen konnten, das für die nächsten drei Wochen unser Zuhause sein sollte. Am Abend haben uns die verschiedenen Musikgruppen der Gemeinde noch ein kleines Willkommenskonzert gegeben, was uns natürlich sehr gefreut hat.

Die nächsten zwei Tage bestanden fast ausschließlich aus Gesprächen mit Vertretern verschiedener Einrichtungen der Gemeinde: Der Gemeindeleitung, der Landwirtschaftskooperative,den beiden Schulen und dem Kindergarten.

Überall, wo wir waren, strömte uns eine unheimliche Freundlichkeit entgegen. Jeder wollte uns sehen und jeder wollte uns “Hallo” sagen, überall wurde man mit leuchtenden Augen angelächelt. Und alles war zu hundert Prozent echt!

Dann endlich hatten die bei 40°C doch ziemlich schlauchenden Gespräche vorerst ein Ende und wir konnten selber mit anpacken.

Die nächsten drei Tage waren morgens ab 6 Uhr mit der Arbeit auf den Feldern der Landwirtschaftkooperative zugeplant. Wir mussten das Ganze dann doch etwas einkürzen, da wir schon um 8 Uhr nicht mehr mit den Einheimischen mithalten konnten, weil es einfach zu warm war!

Zuerst haben wir mit den Menschen aus der Gemeinde zusammen die Kokosplantage gesäubert,an den nächsten beiden Tagen Kühe gemolken und Mais gesäht – alles mit der Hand! Nicht weil es keine Maschinen gäbe, sondern weil man so mehr Menschen Arbeit geben könnte – Ein interessanter Aspekt! Was wir als Einheimische für unsere Arbeit bekommen hätten? Wahrscheinlich nicht viel. An einem Tag verdienen die Arbeiter 5$. Stundenmäßig hätten wir an den drei Tagen vielleicht 4$ bekommen, aber der gute Wille zählt. Anerkennung haben wir auf jeden Fall bekommen, immerhin sind wir die einzige Gruppe gewesen, die konkret mit “angepackt” hat! Und wenn man sich klar macht, dass die Jugendlichen diese Arbeit morgens zusätzlich zum Schulbesuch erledigen müssen, können wir uns doch alle ziemlich glücklich schätzen, in einem Land wie Deutschland geboren zu sein. Dieses Gefühl sollte im Verlauf unseres Aufenthalts noch öfter aufkommen.

Die Nachmittage haben wir dann genutzt um Bekannte, die schon mal bei uns in Kleve waren, wieder zu sehen. Außerdem haben wir uns zusammengesetzt, um das Motiv für unser Wandmalprojekt am Centro Escolar zu planen und zu entwerfen.

Friedensdienst 1

“Bei der Maisaussaat”

Nach den ersten paar anstrengenden Tagen haben wir uns das Wochenende frei genommen, den Pazifik und die Provinzhauptstadt Usulután besucht. Außerdem haben wir eine  Bootsfahrt auf dem Rio Lempa unternommen, um einige der letzten noch existierenden Mangrovenwälder zu erkunden.

Am Montag und  Dienstag  haben wir uns dann zum ersten Mal als Lehrer versucht. Wir haben versucht den Jugendlichen etwas über Deutschland zu erzählen, natürlich auf Spanisch! Die Doppelstunde, die wir in verschiedenen Klassen im Gruppenunterricht gehalten haben, hatten wir schon in Deutschland vorbereitet. Jetzt wissen die Schüler auf jeden Fall, wer denn die Deutschen sind, die ihnen da helfen, wie wir Leben und wie unsere Geschichte ist.

Am Ende der Woche sind wir dann in die Berge nach Morazán – einer Region im Nordosten des Landes – gefahren, um die salvadoreanische Geschichte kennen zu lernen. Da oben im Norden haben sich im Bürgerkrieg die Guerilleros organisiert und aufgehalten.

Friedensdienst 2

 “Unsere Deutschlandstunden”

Eingeladen, uns zu begleiten, hatten wir Tony aus Nueva Esperanza, der uns  sehr bei der Organisation unseres Programmes geholfen hat und außerdem in Morazan geboren ist.

An einem Morgen hat er uns dort unter Tränen seine ergreifende Geschichte erzählt:

Sein Vater war bei der Guerilla, nicht als Kämpfer sondern als eine Art “Aufklärer”. Seine Aufgabe war es, die Bevölkerung zu warnen und zu informieren, über die Regierung und über den Widerstand.

Eines Tages haben Soldaten ihn gefangen genommen, auf einen Marktplatz geführt, ausgezogen und vor allen Menschen erschossen.

Seine Frau war in dieser Zeit mit Tony schwanger und ist nach Honduras geflohen, weil sie nicht mehr sicher war, nachdem sie ihren Mann erschossen hatten. Nach dem Krieg haben die beiden in ärmlichsten Verhältnissen gelebt, ohne ein richtiges Haus und ohne das Wissen, wie sie den nächsten Tag überleben sollen.

Aber sein Vater,so sagte Tony, wäre sein Held,denn er hätte für ihn gekämpft, damit er es einst besser hat und irgendwann würde er ihn wieder sehen.

Mit Tony sind wir auch in ein Revolutionsmuseum gefahren, dort haben wir einen Mann getroffen, der ein bisschen verbittert und enttäuscht über “die Erfolge” des Krieges gesprochen hat. Ja, man habe den Frieden erreicht, aber es sei nicht alles besser geworden, es gäbe immer noch sehr große Armut und einige der ehemaligen Guerilleros, die heute höhere Positionen innerhalb der Partei haben, würden das Volk nicht mehr kennen und in den USA leben.

El Salvador dieses kleine, stolze Land mit seinen tiefen Wunden.

In diesem Museum waren viele Plakate aus den Zeiten des Bürgerkrieges auch von deutschen Solidaritätsaktionen. Zwei davon habe ich abgeschrieben, weil sie mich beeindruckt haben:

“Schweigen?

Den einen trifft es in der Kathedrale,

Ein anderer wird nachts im Bett ermordet,

Samt Frau und Kind. Mich traf es hier im Kampf.

Ich weiß nicht, ob ich leben werde, aber

Du weinst?-Nein, weine nicht, horch auf das Schweigen!

Als sie Romero schlachteten im Dom,

schwieg in Rom der Papst. Er schwieg sehr deutlich.

Als sie das Volk zu ihren Wahlen zwangen,

Mit ihrem Stempel auf des Wählers Ausweis,

Und jeder wußte, was es für ihn hieß,

Den Stempel nicht zu haben, schwieg die Welt.

Sie schwieg nicht nur: einige Stimmen nannten

Der Mörder Mehrheit Sieg der freien Wahl.

Die anderen schwiegen. Hörst du dieses Schweigen?

Ich hör das Blut in meinen Ohren rauschen.

Wie lang noch schweigt man über uns? Wie lang muß

El Salvador noch bluten, weil man schweigt?”

und

“Die Kinder von El Salvador an alle Kinder und an die Herren der Welt

Für den Fall, daß Ihr es nicht wisst:Die meisten von uns leben in Blechhütten,

inmitten von Tümpeln und Müllhalden, zusammen mit den Tieren.

Wir essen nur schwarze Bohnen und Maisfladen, aber wir wollen nicht weiter so leben.

Deshalb werden wir kämpfen, bis wir gewonnen haben.

Wir teilen Euch mit, daß man auch uns auf den Straßen tötet,

wie unsere Väter und unsere Brüder,

aber wir teilen Euch auch mit, daß wir gewinnen werden,

denn wir sind fünf Millionen Menschen und wir sind alle sehr wütend.”

Dann haben wir eine Gedenkstätte besucht, an der das größte Massaker in der jüngeren Geschichte Lateinamerikas geschehen ist.

Dort in dem kleinen Dorf El Mozote wurden 1981 unter einem Vorwand ca. 900 Menschen zusammengerufen und alle ermordet. Die kleinen Kinder wurden teilweise hochgeworfen und mit der Bajonett Spitze aufgefangen und durchbohrt!

Das Ganze fand statt, damit der damalige befehlshabende Offizier innerhalb des Militärs aufsteigen konnte.Erst Anfang diesen Jahres wurde dies offiziell von der salvadoreanischen Regierung anerkannt.

Aber gerade in dieser Region haben sich ganz tolle Hilfsprojekte entwickelt. Ein deutscher Entwicklungshelfer hat in Ciudad Segundo Montes, einer großen  Gemeinde ehemaliger Kriegsflüchtlinge, z. B. ein Jugendzentrum, ein Rehazentrum, mehrere Altenzentren und  ein Ausbildungszentrum für Jugendliche errichtet. Es gibt dort eine Musikschule und bald auch eine kleine Universität. Da merkt man, was mit gezielter Hilfe schon 20 Jahre nach dem Krieg alles möglich ist und das ganz allein durch deutsche Spendengelder.

Friedensdienst 3

“Altenzentrum in Segundo Montes”

Nach diesem Ausflug, in die klimatisch angenehmeren Berge, ging es noch einmal für über eine Woche zurück nach Nueva Esperanza. Das hatte schon ein Gefühl von Heimkehr.

Die Zeit haben wir fast ausschließlich mit der Fertigstellung unseres Wandmalprojektes an unserer Partnerschule und der Vorbereitung unserer Abschiedsfeier verbracht.

Friedensdienst 4

Unser Wandmalprojekt an unserer Partnerschule “Für eine bessere Zukunft”

Am vorletzten Tag in der Gemeinde gab es abends auf dem Basketballfeld der Gemeinde eine “Nacht der Kultur” mit Musik und Theater für uns. Auch wir haben was beigetragen: “99 Luftballons”, “Wind of Change” auf Englisch und Spanisch. Sowie “We are the World” in einem Drei-Sprachen-Mix (Englisch-Spanisch-Deutsch). Außerdem hatten wir mit einigen Salvis ein Percussionstück auf leeren Wasserkanistern geprobt.

Am letzten Tag haben wir für das Dorf Pfannekuchen gebacken, um uns für die Gastfreundschaft und die Liebe, die uns entgegen gebracht worden war, zu bedanken.

Dann gings zurück nach San Salvador und am nächsten Tag in den Flieger zurück nach Deutschland.

Was hab ich mitgenommen?

Ich habe gemerkt, dass ich die Chancen, die ich bekomme nutzen muss.

Ich habe hier in Deutschland so viele Möglichkeiten, das zu machen, was ich will. Ich muss nicht zusätzlich arbeiten, ich kann auch so zur Schule gehen. Wenn ich will, kann ich studieren.

Den Wert, so ziemlich in allen Lebenslagen mitentscheiden zu können, schätze ich jetzt noch mehr.

Außerdem weiß ich eine funktionierende Polizei, ein doch allgemein nicht schlechtes Rechtssystem, ein sicheres zu Hause und einen funktionierenden Hochwasserschutz jetzt mehr zu schätzen.

Eine Zeitung am Morgen und Nachrichtenmarathon am Abend (“heute” und dann den Rest “Tagesthemen”) möchte ich auch nicht nochmal einen Monat missen wollen.

Aber ich würde es jeder Zeit wieder tun!

Lisa Michels

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Konrad Adenauer Gymnasium Kleve

Konrad Adenauer Gymnasium Kleve