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Reisebericht

Wie kommt ein ehemaliger Schüler des KAG nach EI Salvador, Mittelamerika?

Reise- und Erlebnisbericht von Stefan Tuschen

Zivildienst im Ausland – das hatte ich mir in den Kopf gesetzt. Und Spanisch wollte ich auch immer schon erlernen. So kam mir die Idee, nach Lateinamerika zu gehen. Leichter gesagt als getan, denn Stellen für den „anderen Dienst im Ausland” sind äußerst rar. Und für die wenigen Stellen, die in Lateinamerika existieren, muss man sich mindestens zwei Jahre im Voraus bewerben. Also waren meine Pläne schon gescheitert, bevor es überhaupt richtig los ging. Oder doch nicht? Da war doch noch die AG Fairständnis und eine Partnerschule in EI Salvador! Zusammen mit den Lehrern Amecke und Janssen entstand die Idee, selber eine Zivildienststelle einzurichten. Und zwar genau in jener Gemeinde Nueva Esperanza, in der sich die Partnerschule befindet. Eine Zivi-Stelle, die in Zukunft einmal von Schülern des KAG jedes Jahr neu besetzt werden könnte. Aber leider reichte auch dafür die verbleibende Zeit nicht aus, denn hinter einem solchen Vorhaben verbirgt sich ein ungeheurer Verwaltungsaufwand und Papierkrieg. Also Zivildienst im Ausland und Lateinamerika erst einmal wieder in weiter Ferne…

Dennoch, durch die AG hatte ich bereits weitere Kontakte knüpfen können und auf diese Weise Leute von der Flüchtlingshilfe Mittelamerika e.V – sozusagen aus der Szene – kennen gelernt. So ganz wollte mir Lateinamerika nicht mehr aus dem Kopf. Und mitzunehmendem Interesse hat sich auch der Wunsch verstärkt, mich im Anschluss an den Zivildienst nach EI Salvador aufzumachen. Nachdem Zivi im Sommer ’99 habe ich dann angefangen, meine Spanischkenntnisse, die ich mir vier Jahre zuvor während des USA-Austausches angeeignet hatte, aufzubessern und außerdem Geld zu verdienen. Eine wirkliche Vorbereitung auf die Reise war das allerdings auch nicht. Eigentlich stand bis zuletzt nicht fest, ob mein Vorhaben überhaupt aufgehen würde. Doch als dann der Flug gebucht und bezahlt war ging auf einmal alles Schlag auf Schlag und ehe ich mir meiner Sache richtig bewusst war, saß ich auch schon im Flieger. Klar, dass mir der Abschied nicht so leichtgefallen ist. Doch einerseits war es für mich nicht das erste Mal, für längere Zeit von zu Hause fortzugehen und außerdem bin ich von Anfang an mit so viel Neuem regelrecht bombardiert worden, dass gar keine Zeit blieb, mir ernsthafte Gedanken darüber zu machen.

Also komme ich Mitte November ’99 aus dem schon winterlichen Europa mitten hinein in den zentralamerikanischen Sommer! Aber neben dem Klima gibt es noch eine ganze Menge anderer Dinge, an die ich mich gewöhnen muss und die mir zunächst

reichlich „spanisch” vorkommen, auch die Sprache, denn die hat mit dem Spanisch, so wie ich es zu Hause gelernt hatte, nicht viel gemein. Auch als ich dann nach vier Wochen intensiven Sprachunterrichts aus Guatemala nach EI Salvador zurückkehre, fällt mir das erneut auf: Jedes Land Mittelamerikas zeichnet sich durch einen eigenen charakteristischen Dialekt aus.

Da bin ich also nun in Nueva Esperanza und ich bekomme mal wieder das Gefühl, vielleicht doch ein wenig unvorbereitet aufgebrochen zu sein. Und dieses Gefühl stellt sich in den gut neun Monaten immer mal wieder ein. Ein Nachteil, wenn man sozusagen alles auf eigene Faust macht und keine Organisation hat, die hinter einem steht und einem eine konkrete Aufgabe zuweist. Doch ich werde in der Gemeinde mit offenen Armen empfangen und schnell integriert. Leute von der Flüchtlingshilfe, die zur gleichen Zeit in der Gemeinde sind, stellen mich in den Familien vor und insbesondere die vier Missions Schwestern, bei denen ich im Pastoral-Zentrum wohnen kann, erleichtern mir den Start. Kaum angekommen, lerne ich auch die 24jährige Ruth aus Belgien kennen. Sie ist bereits seit zwei Jahren in Nueva Esperanza und lebt und arbeitet dort. Durch sie bekomme ich gleich eine Führung durch die ganze Gemeinde. Nueva Esperanza ist eines von etwa 25 Dörfern in der südlichen Zone am Lempa Fluß. Mit den Schwestern arbeite ich zunächst im pastoralen Bereich, insbesondere mit Jugendlichen.

Wir besuchen verschiedene Gemeinden, gehen von Haus zu Haus, versammeln die Leute zu gemeinsamen Treffen. Aktionen werden geplant, alltägliche Dinge besprochen. Für die Jugendlichen gilt es, ein Freizeitprogramm zu erstellen. Ähnlich wie mit den Erwachsenen werden Treffen, Themennachmittage, Reflektionen vorbereitet, aber auch Spielnachmittage, um die Jugendlichen von der Straße zu holen. Ein großer Teil der Kinder und Jugendlichen geht morgens oder nachmittags in die Schule. Doch es gibt auch viele, die ihren Eltern auf den Feldern oder im Haushalt helfen müssen, damit die Familien überleben können. Ihre Freizeit verbringen sie auf der Straße. Jugendbanden sind auch auf dem Land weit verbreitet. Und gerade für diese Jugendlichen müssen Alternativen und Freiräume geschaffen werden. Meist sind dies auch genau diejenigen, die von der kirchlichen Arbeit nicht erfasst werden. Das ist die Aufgabe von Ruth. Sie arbeitet für eine belgische Organisation für Entwicklungshilfe und in erster Linie trifft sie sich mit Jugendlichen, die nicht vom Pastoralteam betreut werden. So bekomme ich dann doch noch eine konkretere Aufgabe und bald bilden Ruth und ich ein gutes Team. Am Anfang ist es nicht leicht, die Jugendlichen zusammenzutrommeln. Doch bald können wir ihr Vertrauen gewinnen. Einige von den Gemeinden sind sehr abgelegen und dort bekommt unsere Arbeit einen großen Stellenwert, denn es sind Gemeinden, in denen die Schwestern nicht arbeiten können. Höhepunkte unserer Arbeit sind immer die Schulferien, weil viele dann den ganzen Tag auf der Straße rumlungern. Daher planen und gestalten wir zusammen mit den Jugendlichen Ferien? und Freizeitprogramme. Jeweils eine Woche lang fahren wir jeden Tag in zwei der Dörfer und verbringen den Vor? oder Nachmittag mit Ball? und Kreisspielen, bringen ihnen kleine Kunsthandwerke bei oder unternehmen andere Dinge. Eine bescheidene und dennoch wichtige Aufgabe. Auch bei besonderen Anlässen und Feierlichkeiten sind die Jugendlichen immer engagiert. So bereiten wir zum Beispiel zum 20. Todestag der Ermordung von Erzbischof Romero, den man in EI Salvador, Lateinamerika und auf der ganzen Welt am 24. März 2000 feiert, einen kulturellen Nachmittag mit Musik, Tanz und Theaterstücken in der Kathedrale von San Salvador vor. Viel Arbeit über Wochen, die sich lohnt und auch den Jugendlichen zeigt, dass sie etwas auf die Beine stellen können. Die Zukunft der Region Bajo Lempa, die Zukunft EI Salvadors liegt in ihren Händen!

Viele Leute verstehen nicht, wie ich ein Jahr des Studiums „vertrödeln” konnte. Viele Leute hierzu Hause verstehen nicht, was ich aus EI Salvador berichte. Einige wollen nicht verstehen… Ich weiß, dass es für mich die vielleicht wichtigste Erfahrung war, die ich in meinem Leben bisher gemacht habe. Eine unvergessliche Zeit, in der ich viel über die „andere Welt” gelernt habe und eine Menge neuer und inniger Freundschaften geschlossen habe . … und vielleicht können ja eines Tages tatsächlich Schüler des KAG ihren Zivi in EI Salvador ableisten und eine ähnliche Erfahrung machen…

Wer etwas über das Leben der Jugendlichen in EI Salvador erfahren möchte, bekommt im Januar 2001 die Chance, eine Volkstanzgruppe zu treffen. Dies sind zehn Jugendliche aus Nueva Esperanza, die vom z. bis 15. Januar in Kleve zu Gast sein werden. Geplant ist u.a. eine Informationsveranstaltung im Konrad-Adenauer-Schulzentrum. Wichtig ist den Jugendlichen ein Austausch über unsere verschiedenen Realitäten und Kulturen. In diesem Rahmen möchten sie natürlich auch ihrtänzerisches Können unter Beweis stellen. Nähere Informationen gibt es bei der AG Fairständnis oder unter Kleve 91382.

Fairständnis. Das ist kein Rechtschreibfehler! Dieser Name wurde bewusst aus den Wörtern Fairness und Verständnis zusammengesetzt, um deutlich zu machen, was das Ziel dieser Arbeitsgemeinschaft ist: Verständnis herzustellen für die Lebenssituation von Schüler/innen, die nicht – wie wir – in einer Wohlstandsgesellschaft leben, sondern in einem Teil der Welt, wo Armut herrscht und Lernen in einer Schule keineswegs selbstverständlich ist; einen Beitrag zu leisten für mehr Fairness, indem Lehrer/Innen und Schüler/Innen eines Ortes – auch materiell – unterstützt werden. Durch Freundschaften und Kontakte von Herrn Janssen, der der Leiter der AG Fairständnis und Lehrer an dieser Schule ist, mit Padre Angel, Gemeindepfarrer von Nueva Esperanza (Neue Hoffnung), entwickelte sich eine Schulpartnerschaft zwischen der dortigen Regionalschule und dem K-A-G. Einmal in der Woche treffen sich etwa 12 Schüler/Innen aus mehreren Jahrgangsstufen, um zu beraten, wie man durch Projekte der Gemeinde helfen kann. Durch Aktionen wie dem Verkauf von Kaffee und Kuchen an Elternsprechtagen, dem Verkauf von Getränken bei Konzerten der Big Band und durch monatliche Mitgliedsbeiträge in Höhe von 2 DM wird Geld zur Förderung der Regionalschule gesammelt. Davon wurden zum Beispiel Bücher für Schüler in Nueva Esperanza gekauft. Im Laufe der Jahre kamen mehrere gegenseitige Besuche zustande. Im letzten Jahr besuchten nicht nur Lehrer, sondern auch Schüler aus Nueva Esperanza Kleve. Um die Zusammenarbeit der beiden Schulen zu bekräftigen, wurde eine Partnerschaftsurkunde unterzeichnet. Für das Engagement, das die Gruppe aufbrachte, wurde die AG – Fairständnis im Rahmen des bundesweiten Wettbewerbs „Demokratisch Handeln” ausgezeichnet.

Konrad Adenauer Gymnasium Kleve

Konrad Adenauer Gymnasium Kleve